Feelgood Talk mit Dorina Bausch-Pohle: Raum für gute Zusammenarbeit
Vera im Gespräch mit Dorina von Workplace Innovations.
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„Warum fahre ich eigentlich eine Stunde ins Büro – um dann alleine da zu sitzen?“
Vera: Dorina, schön, dass du da bist. Du bist mit deinem Team von Workplace Innovations viel im Bereich Arbeitsplatzgestaltung unterwegs. Bevor wir tiefer einsteigen: Magst du erzählen, wie dein Weg in dieses Thema eigentlich begonnen hat?
Dorina: Total gerne. Eigentlich aus einem ganz simplen Grund: Ich konnte direkt nach dem Studium in meinem ersten Job schon relativ viel remote arbeiten. Das führte dazu, dass man oft alleine im Büro saß - und dieses Büro war wirklich das klassische Klischee: 30 Jahre alter, dunkelgrauer Teppich mit Kaffeeflecken, zusammengewürfelte Möbel, graue Schränke.
Wir hatten auch so eine Art Desksharing - wobei man es eigentlich nicht Konzept nennen kann. Man suchte sich morgens einen freien Platz und musste erstmal Technik zusammensuchen, weil Tastaturen oder Bildschirme nicht funktionierten. Das war jeden Morgen erstmal eine halbe Stunde Chaos.
Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum fährt man eigentlich so lange ins Büro, wenn es dort weder gemütlich ist noch zu den eigenen Arbeitsbedürfnissen passt?
Vom Coworking Space zur Arbeitsplatzoptimierung
Vera: Und daraus ist dann ja viel mehr entstanden.
Dorina: Genau. Ich habe dann einen Coworking Space gegründet mit dem Ziel, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der man wirklich gerne arbeitet. Weil das ja einen riesigen Unterschied macht: Wenn ich mich wohlfühle, bin ich automatisch kreativer, leistungsfähiger, innovativer.
Andere Unternehmen fanden dieses Flair total spannend. Die haben gesagt: „Coworking ist nichts für uns; aber dieses Gefühl, diese Atmosphäre, könnt ihr das nicht auch bei uns machen?“
So bin ich immer tiefer in das Thema eingestiegen: Wie gestalten wir Arbeitsräume so, dass sie wirklich zur Arbeit passen? Und dann kam natürlich Corona dazu und plötzlich wurde alles nochmal viel relevanter.
„Ein gelungenes Büro erkennt man daran, dass Menschen freiwillig wiederkommen“
Vera: Woran merkt man denn aus deiner Sicht, dass ein Arbeitsplatz wirklich gelungen gestaltet ist?
Dorina: Ganz simpel: Daran, dass Mitarbeitende gerne ins Büro kommen und nicht nur, weil sie müssen.
Viele sagen heute ganz klar: Bestimmte Aufgaben mache ich im Homeoffice super, aber für andere Tätigkeiten ist das Büro einfach besser. Wenn ein Büro diese Bedürfnisse abdeckt, dann entsteht dieses Gefühl von „Hier bin ich gern“.
Das ist ein total weicher, subjektiver Faktor und schwer messbar. Aber man kann hinschauen:
Wie viele kommen aktuell ins Büro? Wie verändert sich das nach einer Umgestaltung? Und vor allem: Als Führungskraft zuhören. Die meisten Menschen wissen ziemlich genau, was sie brauchen, um gut zu arbeiten. Es wird nur oft nicht gehört oder umgesetzt.
Wenn Büros leer sind, ist das eigentlich ein sehr klares Signal: So, wie sie jetzt sind, funktionieren sie nicht mehr fürs Team.
Büro nach Corona ist Büro vor Corona - nur schlechter
Vera: Wie würdest du die Entwicklung der letzten Jahre beschreiben?
Dorina: Ich sage bewusst provokant: Büro vor Corona ist gleich Büro nach Corona - nur schlechter.
Wir arbeiten seit Jahrzehnten nach dem gleichen Schema: Schreibtisch an Schreibtisch, irgendwo eine kleine Teeküche, ein Meetingraum, der oft auch Lager ist. Das wurde lange nicht hinterfragt.
Durch Corona haben wir gelernt, viel digitaler zu arbeiten. Wir achten stärker auf Fokuszeiten, auf unterschiedliche Arbeitsmodi. Diese neue Wahrnehmung unserer Arbeitsbedürfnisse ist im Büro aber kaum angekommen.
Selbst moderne, schicke Büros sind oft nur Fassade. Sie sehen gut aus, passen aber nicht zur tatsächlichen Arbeitsweise. Der Kern ist: Wir brauchen Arbeitsorte, die zu unseren Aufgaben passen. Für Fokus brauche ich Ruhe. Für Austausch brauche ich Begegnung. Ein Büro kann noch so fancy sein: Wenn es nicht zur Arbeit passt, bleibt es leer.
„Menschen kommen wegen der sozialen Interaktion ins Büro“
Dorina: Ich hatte letztes Jahr einen Kunden, der sagte: „Wir haben zero Teamgefühl im Büro.“
In der Analyse kam raus: Die meisten machen ihre Fokusarbeit bewusst im Homeoffice. Der Hauptgrund, ins Büro zu kommen, ist soziale Interaktion: Also Austausch, Projektarbeit, Teamgefühl. Aber genau das geben viele Büros gar nicht her.
Warum also nicht Büros völlig neu denken? Weniger klassische Schreibtische, mehr Räume für Begegnung, Zusammenarbeit, gemeinsame Tage. Das ist ein kompletter Perspektivwechsel, aber eigentlich die logische Konsequenz aus unserer heutigen Arbeitsweise.
Raumgestaltung ist immer auch Kulturarbeit
Vera: Da sind wir ja mitten im Thema Unternehmenskultur.
Dorina: Absolut. Räume sagen unglaublich viel über Kultur, Hierarchien und Führung aus, oft mehr als jedes Leitbild oder jeder Instagram-Account. Gerade beim Thema Desksharing sieht man das deutlich: Wenn Mitarbeitende flexibel arbeiten sollen, Führungskräfte aber ausgenommen sind, wirft das sofort kulturelle Fragen auf.
Manchmal kann man Hierarchie tatsächlich an der Bürotür ablesen: Je höher die Eingruppierung, desto kleiner das Büro. Und wenn man daran rüttelt, rüttelt man nicht nur an Möbeln, sondern an gewachsenen Machtstrukturen.
Kleine Schritte, große Wirkung: Quick Wins im Büro
Vera: Was empfiehlst du Unternehmen, die wissen, dass sie etwas ändern müssen, aber nicht von heute auf morgen alles auf einmal umbauen können?
Dorina: Quick Wins gibt es immer. Auf Gestaltungsebene zum Beispiel: Pflanzen, Farbe, eine einzelne Akzentwand oder Motivtapeten. Das kann Räume komplett verändern.
Wenn es tiefer gehen soll, empfehle ich Pilotprojekte. Einen Bereich auswählen, eine neue Arbeitsweise ausprobieren, lernen, anpassen. Nicht perfekt planen, sondern Erfahrungen sammeln. Besonders gut eignen sich dafür Meetingräume oder Aufenthaltsbereiche. Die gehören niemandem „allein“ und Veränderungen werden dort weniger als Bedrohung erlebt. Oft entsteht von dort aus eine Dynamik, die sich im ganzen Unternehmen fortsetzt.
„Ich darf mir meinen Arbeitsplatz schön machen“
Dorina: Ein Erlebnis ist mir besonders im Kopf geblieben: In einem Projekt haben wir aus einem bisherigen selten genutzten Einzelbüro zeitweise eine kleine Kaffeezone gemacht. Der Designwunsch war hier eine Dünen-Motivtapete. Die Person, die dort sonst arbeitet, war total begeistert und sagte: „Das darf ich meiner Frau nicht erzählen, die will das dann auch.“
Das war so ein Aha-Moment: Menschen merken plötzlich, dass sie Wünsche äußern dürfen. Dass Arbeit nicht grau und funktional sein muss. Natürlich braucht es Offenheit von Organisationen, aber Mitarbeitende dürfen auch anfangen, ihre Bedürfnisse zu formulieren. Ergonomie, Atmosphäre, Gestaltung: Das alles beeinflusst, wie gerne wir arbeiten.
Räume als Einladung zu besserer Zusammenarbeit
Vera: Wenn du es auf den Punkt bringen müsstest: Was ist deine Kernbotschaft?
Dorina: Büros sind kein Selbstzweck. Sie sind eine Einladung: zu Austausch, zu Zusammenarbeit, zu Fokus - oder eben nicht. Wenn wir wollen, dass Menschen gerne zusammenarbeiten, dann müssen Räume das unterstützen. Und das ist keine Designfrage, sondern eine Frage von Haltung, Kultur und echtem Interesse an den Arbeitsbedürfnissen der Menschen.
Vera: Vielen lieben Dank, Dorina, dass du dabei warst!